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Baukultur

St. Hedwig

von Dr. Frank Piontek
Man wähnt sich irgendwo in Italien – nicht im Gebiet zwischen Hedwigstraße und Holbeinstraße. Man betritt den Hof und fühlt sich unmittelbar in ein Kloster des tiefsten Mittelalters versetzt. Gebaut aber wurde der – für oberfränkische Verhältnisse – einzigartige und unverwechselbare Komplex erst 1959/60.

Damals hatte man den Mut, einen wahren Baumeister einzuladen, dessen Kirchen seltsam unmodern, eben darum aber zeitlos anmuten. Wir verdanken das Ensemble von St. Hedwig dem Architekten Emil Steffann, der, 1899 geboren, mehr als 40 bedeutende Sakralbauten entwarf.

Steffann war ein Mann des Wesentlichen. Besann er sich auf die Vergangenheit, so konzentrierte er sich auf jene Elemente der durchdachten Einfachheit, die auch St. Hedwig so eindrucksvoll machen. Waren es die Erfahrungen des Krieges und seine Arbeiten an den zerstörten Kirchen, die ihn dazu brachten, eine reduzierte, also konzentrierte Formensprache zu erfinden, der indes nichts Steriles anhaftet?

Am ehesten mit dem Hedwigskomplex ist vielleicht der Wiederaufbau der Kölner Franziskuskirche zu vergleichen. Hier wie dort werden die monumentalen Aufmaße durch riesige Öffnungen gegliedert, die den Geist und die Seele buchstäblich frei atmen lassen. Steffann war ein Meister darin, mit dem Licht zu arbeiten: der Innenraum des Kirchenraums mit seiner Konche (der Ausbuchtung im Altarraum) und der ehemaligen Orgelempore, jetzt ist die neue Orgel an der Rückwand der Kirche errichtet, die hohen Lichtfenster und die Farbe des natürlichen fränkischen Bruchsteins (auch dies eine zitathafte Erinnerung an die Urgründe des Christentums) sorgen selbst dann für eine mystische Stimmung, wenn gerade keine Kerzen den Raum von innen beleuchten.

Draußen umfängt den Besucher ein kleiner Hof, dessen überdachte Wandelgänge an einen Kreuzgang der Besinnung denken lassen. Die Überraschung, die den Betrachter des Kirchenkomplexes zu bewegen vermag, wird nicht durch chocs, sondern durch gleitende Übergänge geschaffen: der Hof hinter der Taufkapelle dient dem Durchgang, die Nebengebäude fallen durch eigenständige Kubaturen und Dachwinkel, nicht durch spektakuläre neue Materialien auf – St. Hedwig kann, das macht schon die massive, aber niemals brutale Architektur klar, auch als spirituelle, mit Vorlagepfeilern versehene Kirchenburg mit integrierten und begleitenden Häusern begriffen werden: der Pfarrwohnung mit der Kaplanei, der Mesnerwohnung, den Räumen für die Jugend, dem Pfarrsaal und dem Kindergarten.

Der 1963 hinzugefügte Glockenturm ragt darüber hinweg: auch als Steigerung der flachen Nutzbauten und des Kirchendachs. Steffanns Lehrer Rudolf Schwarz schrieb über ihn: „Er wäre imstande, die gottesdienstlichen Aufgaben aus ihrem Sinn, aus ihrer schlichten Dinglichkeit, neu zu bedenken und zu formen, ohne dabei zu verblüffenden, aber unverantworteten Motiven zu greifen.“ In Bayreuth steht eines dieser Meisterwerke.

von Rudolf Fell